Im Gefecht: Feind macht keinen Unterschied zwischen Infanteristen und Sanitätern

12.04.2011 | Bad Reichenhall
Rund 1.000 Soldaten nehmen heute am Rückkehrerappell im bayerischen Amberg teil. Verteidigungsminister Thomas de Maizière wird fünf von ihnen mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit auszeichnen. Die Online-Redaktion des Deutschen Heeres konnte im Vorfeld mit Dreien von ihnen über ihre Erfahrungen in Afghanistan sprechen.

Für zwei Ausbilder der Luftlandeschule in Altenstadt und drei Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall ist dieser Tag etwas Besonderes. Während des Rückkehrerappells der 10. Panzerdivision in Amberg wird Verteidigungsminister Thomas de Maizière ihnen das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit verleihen. Wir hatten die Gelegenheit mit den drei Soldaten aus Bad Reichenhall über ihre Erfahrungen als Teil der Quick Reaction Force (QRF), der schnellen Eingreifkräfte, zu sprechen.

Die drei Soldaten der vierten Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 231 sitzen im "Stüberl", dem Gemeinschaftsraum in der Kaserne in Bad Reichenhall. Jeder von ihnen hat eine Tasse Kaffee vor sich, ihr ISAF-Einsatz ist scheinbar schon lange vorbei. Alle drei sind sich einig: Ja, sie würden wieder nach Afghanistan gehen. "Wenn die Kompanie geht, aber das wird in dieser Zusammensetzung wohl leider nicht mehr passieren", sagt Hauptfeldwebel Andreas Mey. Zusammen mit seinem Stellvertreter, Oberfeldwebel Norman Reichow, und dem Stabsgefreiten Valeri Müller war er von April bis Oktober 2010 Teil der QRF 5 im Norden von Afghanistan. Sie standen in mehreren Gefechten mit Aufständischen, "aber kein Gefecht war so intensiv wie das Gefecht am 16. Juli", erzählt Reichow.

An diesem Tag ist ein verstärkter Zug der QRF unterwegs, um eine Operation im Bereich Baglan vorzubreiten. Ganz in der Nähe einer Gruppe von Gehöften kommt es dann zum Gefecht mit den Aufständischen. Hauptfeldwebel Mey: "Mit einem Mal höre ich, wie RPG-Geschosse (Anm. d. Red.: Panzerabwehrgeschosse) über meinen Kopf hinwegsausen und sehe im Wasser neben mir, wie die Gewehrgeschosse immer näher kommen. Von ringsherum wurden wir beschossen. Man denkt: Jetzt ist es vorbei", beschreibt Andreas Mey seine Gefühle. "Sechs bis acht Aufständische stürmten aus der Gehöftegruppe mit Waffen auf uns zu", ergänzt Stabsgefreiter Müller. Zu diesem Zeitpunkt schießt ein Teil des Feindes aus einer Entfernung von fünf bis fünfzehn Metern auf die deutschen Soldaten - die feuern zurück. "Hinzu kam, dass die teiluniformiert waren. Die sahen fast wie Soldaten aus", erinnert sich Oberfeldwebel Reichow an den Anblick der Angreifer.

Gleich zu Beginn des Gefechtes, als die Aufständischen das Feuer eröffnen, hat Stabsgefreiter Valeri Müller unfassbares Glück: "Auf einmal reißt es mir den Kopf nach hinten. Automatisch lassen ich mich nach hinten fallen und merke noch, dass es heiß an den Haaren wird." Eine Gewehrkugel durchschlägt den Gefechtshelm des 21-jährigen Zeitsoldaten.

Vorne rein, hinten raus. Kurze Schocksekunde, dann kämpft der Mannschaftssoldat sofort weiter. Genau wie seine beiden Kameraden beschreibt er, dass während des Kampfes eine Unmenge Adrenalin durch den Körper fließe. Reichow: "Während des Gefechtes macht man alles, was man vorher drillmäßig gelernt hat. Zusätzlich sorgt das Adrenalin für ungeahnte Kräfte." Wie ist es sonst zu erklären, dass die Soldaten bei mehr als 50 Grad Celsius mehrere Stunden im Gefecht stehen, ohne das Bedürfnis zu verspüren, Wasser zu trinken. "Mit meiner persönlichen Ausrüstung, den Waffen, der Munition und den anderen Kampfmitteln war ich bestimmt 50 Kilo schwerer als normal. Aber ich konnte trotzdem noch spurten, als wir ausgewichen sind", sagt Müller. "Ja, die 50 bis 60 Meter über die freie Fläche gingen mit so viel Adrenalin ganz schnell", ergänzt Oberfeldwebel Reichow mit einem Lächeln.

Viele Eindrücke, so sagen alle drei Soldaten ernst, kamen ihnen erst später ins Bewusstsein: "Ich wusste einige Sachen gar nicht mehr", gibt Hauptfeldwebel Mey zu. Aber eine Sache werde er nie vergessen: "Als wir zurück im Lager waren, aus den Fahrzeugen kamen die Kameraden heraus, sammelten sich - keiner war verwundet. Das war der schönste Moment meines ganzen Einsatzes."

Ja, alle drei fühlen sich geehrt, dass sie das Ehrenkreuz für Tapferkeit bekommen und sie sind auch ein wenig stolz. "Aber eigentlich hätte es jeder verdient, egal ob Sanitäter oder wer auch immer", sagt Mey, und Reichow ergänzt: "Ich habe nur das gemacht, wofür ich ausgebildet worden bin." In einer letzten Sache sind sich daher auch alle Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall einig: "Wenn jemand da draußen ist, sollte er die Grundkenntnisse, das Infanteristische beherrschen. Der Feind macht keinen Unterschied zwischen einem Gebirgsjäger, einem Sanitäter oder einem Logistiker."

Quelle: Pressemeldung Bundesministerium der Verteidigung

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